Buchrezension: “Photoshop CS6 für digitale Fotografie” von Scott Kelby

Scott Kelbys Bücher sind legendär. Und zahlreich. Zugegeben, nicht ohne Grund – obwohl man sich mit dem riesigen potentiellen Kundenkreis von amerikanischen/englischsprachigen Büchern natürlich auch mehr Freieiten als Autor nehmen kann als beispielsweise hierzulande möglich ist. Ich glaube nicht, dass ein hiesiger Verlag angetan davon wäre wenn ein Autor soviel Platz damit verschwenden würde z.B. Kapitelanfänge mit Song- oder Filmtiteln zu bennen und das ausführlich zu erklären. Andererseits macht eben sowas auch (mit) den Charme von Kelbys Büchern aus. Der andere Teil sind die sachlich fundierten, aber immer gut verständlichen und unkomplizierten Erklärungen der Thematik.
Keine Überraschung ist, dass das vorliegende Buch da keine Ausnahme bildet.

Satz, Druck, Aufmachung

Wie ich es von Pearson oder Addison-Wesley nicht anders gewohnt bin, gibt es bei Satz, Druck, Aufmachung und Layout eigentlich keinerlei Grund für Kritik. Das Hardcover wirkt hochwertig und stabil, die Druckqualität ist exzellent, der Aufbau übersichtlich. Lediglich die eindeutige Erkennbarkeit von Buttons, Markierungen und vor allem Änderungen in den Bildern ist nicht immer 100% gegeben. Das erscheint mir aber eher als durchgängiges Problem des Mediums. Screenshots sind in Büchern äußerst schwer repräsentativ wiederzugeben. Schnell sind sie zu klein und feine Farbnuancen etc., die auf einem guten Monitor noch klar zu erkennen sind werden nach dem Druck und auf Grund der Größe leicht übersehbar.

Inhalt

Leseproben:

Was mich an “P. CS6 f.d.F.” (tolle Abkürzung, oder?) wirklich positiv überrascht hat ist der ausführliche und gründliche Teil, den Kelby dem RAW-Konverter widmet. Der ist inzwischen sehr mächtig und einigermaßen komplex geworden und Kelby trägt dem angemessen Rechnung. Ein großes Lob dafür. Was mir zur Perfektion lediglich noch fehlt ist ein noch tieferes Eingehen auf die ebenfalls mittlerweile recht umfangreichen Funktionen vom bei Photoshop mitgelieferten Bridge. Das ist zusammen mit Adobe Camera Raw ähnlich leistungsfähig wie das separate Programm Lightroom (das ja auch die selbe RAW-Engine verwendet).
Ich bevorzuge sogar die Arbeit mit Bridge gegenüber LR.

Ein Kritikpunkt fällt mir etwas später im Buch auf: Ich stieß auf ein Kapitel mit dem Titel “Die Größe von Digitalkamerafotos ändern”. Eigentlich geht es dabei um die Änderung der dpi-Angaben in Fotos. Hier wird aber sehr leichtfertig mit den Begriffen “Größe”, “Auflösung”, “dpi” etc. um sich geworfen. Zwar sind die Vorgehensweise und Arbeitsschritte durchaus korrekt, zur Verständlichkeit des Themas dürfte Kelby hier aber nicht beitragen. Ich denke, er verwirrt und irritiert sogar eher bei diesem immer wieder mißverstandenen Thema. Sehr schade – ich will allerdings nicht ausschließen, dass es sich dabei teils um schlechte Übersetzung handelt. So oder so gibt es dafür 1 “Blitz” Abzug in der Wertung.
Wer nochmal nachlesen will, was es mit dpi und so auf sich hat, findet meinen Artikel hier.

Drin im Buch ist eine Menge: HDR und Pseudo-HDR, Schwarz-Weiß, Schärfen, Vignettierungen, Panoramen, Tilt-Shift-Effekt (*seufz*), Lichtstimmungen simulieren (*doppelseufz*), alles recht ausführlich vorhanden.
“Typische Probleme” ist ebenso ein vielversprechendes Kapitel und ein guter didaktischer Ansatz. Allerdings fällt mir spätestens an dieser Stelle etwas auf: Mir fehlt ein roter Faden und ein durchgehendes didaktisches Konzept. Es gibt viele gute Ansätze und wertvolle Inhalte, aber alles wirkt etwas zusammengewürfelt. Es liest sich eher wie mehrere verschiedene Bücher. Sicher, das ist Jammern auf hohem Niveau, mißfällt mir aber.
Spezialeffekte a.k.a. “Looks” finden sich auch. Darunter die typischen aktuellen Verdächtigen: Entsättigtes, Kontrast-Look, Grunge, Soft-Focus, ein Farblooks + Tonungen. Besonders interessant finde ich als Inspiration und Ausgangspunkt (wenn man wie ich auf Farblooks steht) den “Instagram-Look”, den Kelby sogar gänzlich im RAW-Konverter umsetzt.

Wirklich schön, hilfreich und oft auch inspirierend sind die immer am Ende eines großen Kapitels eingeworfenen Seiten mit “Photoshop-Killer-Tipps”, die oft nur kurz sind aber sehr helfen, Photoshop besser und effizienter zu nutzen.

Was mir persönlich (und das ist sicher Ansichtssache) gar nicht gefällt, ist in einem Buch für digitale Fotografie ein großes Video-Kapitel. Den Platz hätte man für anderes nutzen können, zum Beispiel für die erstaunlicherweise sehr zu kurz gekommene (Portrait-)Retusche.
Das Buch schließt mit dem ausführlich behandelten Thema “Drucken”, in dem auch auf Papierprofile und Monitorkalibrierung eingegangen wird und anschließend einem Überlick über Kelbys Workflow.

Einen dicken Minuspunkt von mir noch zum Schluß: Die im Buch gezeigten Tutorial und Lösungen nutzen bei weitem die Möglichkeiten des modernen Photoshop nicht aus. “Nondestruktivität” wird bestenfalls durch Ebenenkopien erreicht. Leere Ebenen, Einstellungsbebenen und Masken oder auch Smart Objekte und Filter kömmen nicht so häufig zum Einsatz, wie es sinnvoll und wünschenswert wäre – auch im Sinne der Speichereffektivität.

Fazit

Stern-Wertung_Kelby_CS6Insgesamt ein durchaus gutes Buch mit positivem Gesamteindruck, das aber auch seine Kritikpunkte hat und vor allem bei Aufbau und Themenwahl etwas patzt.
Die Umsetzung mit häufigen Ebenenkopien oder gar destruktivem Arbeiten ist nicht mehr zeitgemäß und unprofessionell, was weiteren Abzug gibt.
Besonders empfehlenswert, da auch die Kritikpunkte dann nicht so relevant sind, ist das Buch wenn man viel mit dem RAW-Konverter arbeiten und dessen Möglichkeiten ausreizen möchte. In diesem Punkt habe ich bisher kaum so gute Bücher gesehen, das gibt einen Bonus von mir. So kommt Scott Kelbys “Photoshop CS6 für digitale Fotografie” mit diesem Zusatzpunkt am Ende auf respektable 7 “Blitze”.

Über 

Professioneller Fashion- & Beauty-Fotograf mit und aus Leidenschaft.

Ebenfalls aus Herzblut: Dozent, Autor.

Wurde nicht mit einer Kamera geboren, sie ist inzwischen aber angewachsen.

Hat einen "(Blitz)Lichtfetisch". Umfangreiches Technik- & Fotowissen.
Kann trotzdem brauchbare Fotos machen.

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