Nikon D600 in der Praxis – aus Sicht eines Canon-Users

Meine erste eigene Kamera war eine Canon EOS 30. Seitdem habe ich mit den meisten Canon-Kameras über kurz oder lang gearbeitet. Canon-Kameras kenne ich also verdammt gut. Neben den vielen […]

Meine erste eigene Kamera war eine Canon EOS 30. Seitdem habe ich mit den meisten Canon-Kameras über kurz oder lang gearbeitet. Canon-Kameras kenne ich also verdammt gut.

Nikon D600 aus Canon-Sicht 1Neben den vielen Canons habe ich 2009 bereits einige Zeit mit einer Nikon fotografiert. Für mein Buch kam nämlich auch die D700 zum Einsatz (ich empfehle die Kamera im Buch ja u.a. auch und das tue ich nicht für etwas, das ich selbst nicht im Einsatz hatte).

Jetzt ergab sich wieder eine Gelegenheit für mich, etwas mit einer Nikon zu arbeiten.
Anton (der auch über den Lastolite 5-in-1, „Der Hochzeitsfotograf“ und „Abenteuer Fotografie“ geschrieben hat und bei diesem Shooting Knappe spielte) war auf der Jagd nach einer neuen Kamera. Da er vorher auch mich um Rat fragte, habe ich mich tief in die technischen Datenblätter geworfen und mir die D600* und die D800* (jeweils nur Gehäuse) auch im Laden etwas näher angesehen. Entschieden hat sich Anton dann für das kleinere Modell.

Da meine eigene Haupt-Kamera ja immer noch in der Werkstatt rumliegt (*grrr*) habe ich bei unserem letzten gemeinsamen Shooting ebenfalls mit der Nikon gearbeitet (wegen der höheren Auflösung im Vergleich zu meiner Zweitkamera). Als Objektiv kam das Nikkor AF-S 24-70mm 1:2,8G ED* zum Einsatz. Auf der Fahrt zur Location habe ich mir zudem das Menü genau angeschaut.

Was sind nun also meine Eindrücke als Canon-User?

Bedienung

Die Bedienelemente sind sehr anders angeordnet und auch anders benannt als bei Canon. Der D700 ähnelt die Anordnung auch in vielen Punkten nicht sehr. Das braucht zunächst etwas Einarbeitung, ist aber für einen technisch etwas begabten Anwender schon nach einer halben Stunde zwar noch immer komisch, aber problemlos machbar.

Wirklich merkwürdig ist für mich die Platzierung der ISO-Taste an der D600*, die sich in der Button-Reihe links neben dem Bildschirm findet. Für mich ist das in der Praxis aber ehrlich gesagt gar kein Problem. Sobald man einmal weiß wo sie ist, findet man sie sofort – wenn man wie ich es ohnehin gewohnt ist, die ISO-Zahl mit der Kamera nicht am Auge zu verstellen. Andernfalls könnte das schon ganz schön nervig sein.
Sehr gut – nein, richtig clever – finde ich die Lösung zum Einschalten der Displaybeleuchtung (wie bei allen Nikons) mit einem Dreh am Auslöser“kragen“. Ähnlich ist es mit den Einstellungen für den eingebauten Blitz, die auf der selben Taste liegen wie der Ausklappbefehl. Das ist platzsparend und richtig logisch!
Einen richtigen Suchmarathon haben Anton und ich uns unabhängig voneinander geliefert, als wir den Autofokusmodus einstellen wollten. Ohne Handbuch fand ich es nicht, obwohl auch diese Belegung sinnvoll und platzsparend ist. Ich verrat’s Euch nicht – ich will Euch nicht den Spaß am Suchen nehmen. 😉

Nikon D600 aus Canon-Sicht 2Sehr ungewohnt und unangenehm für mich war, daß man zum Ändern von Menüoptionen bei Nikon eine Taste drücken und gleichzeitig an einem Rad drehen muß. Jedem potentiellen Umsteiger sei aber gesagt: Das lässt sich (zumindest an der Nikon D600* und sicher allen „größeren“ Nikons) im Menü auch anders konfigurieren.
In der Praxis ebenfalls sehr nervig für mich: Die AF-Felder werden einfach mit dem Steuerkreuz verstellt. Soweit alles noch toll. Versucht man nun aber, direkt nach der Aufnahme damit das AF-Feld zu verschieben, geht das schnell mal nicht wie erwünscht. Die Tasten sind bei der Bildanzeige (die normalerweise nach dem Auslösen angeht) nämlich ebenfalls belegt. Lösen lässt sich das anscheinend nur entweder durch das Abschalten der automatischen Bildwiedergabe oder man gewöhnt sich an, vor dem AF-Feld verschieben nochmal den Auslöser halb zu drücken. Für mich als Canon-Photograph sehr störend.

Insgesamt lässt sich über die Bedienung der D600* aber wenig negatives sagen. Die Position der ISO-Taste stört mich nicht und die anderen beiden bemängelten Punkte sind reine Gewohnheitssache. Wichtig ist, daß alles für das eigentliche Shooting wesentliche direkt und schnell erreichbar ist.
Allerdings: für die fortgeschrittenen Optionen und Einstellmöglichkeiten (die man eher selten braucht) gilt das im völlig überfrachteten, schlecht sortierten und zu verzweigten Menü nicht.

Autofokus

Mein erster subjektiver Eindruck vom Autofokus: Schnell und treffsicher, aber gefühlt einen Hauch weniger „explosionsartig“ und schnell als bei Canon. Bei Canon fühlt es sich eher an wie ein Kickdown mit kurz darauffolgender Vollbremsung, bei Nikon eher wie ein normales Beschleunigen und vom Gas gehen. Canon-User wissen, daß der AF auch gerne mal „vorbei explodiert“, deshalb ist das Nikon-Verhalten nicht unbedingt etwas schlechtes.

Beeindruckt hat mich der Autofokus im Shooting bei einer kurzen Sequenz, in der das Modell auf die Kamera zulaufen und springen sollte. Das war eher zur Auflockerung als zum Bilder machen gedacht, aber der (nachverfolgende) Autofokus saß fast bei jedem Bild – Unschärfe gab es nur wegen der für diese Action zu langen Verschlußzeit, die zu Verwischungen führte.

Sehr gestört hat mich dann aber doch die „Verteilung“ der vielen AF-Punkte. Die liegen sehr konzentriert mittig, die Bildränder bleiben von AF-Sensoren verschont. Sehr unangenehm fällt das erstaunlicherweise im Querformat auf, viel weniger im Hochformat. Für mich ist das einer der Hauptpunkte, der dann doch für die D800 spricht – die allerdings auch einen ordentlichen Aufpreis hat und mit erschreckend großen Dateien einschüchtert.

Bildqualität

Nikon D600 aus Canon-Sicht ModelbildDer wohl subjektivste und am schwersten zu beurteilende Punkt: die Bildqualität. Das hier ist ein persönlicher Praxisbericht und kein Test, deshalb mach ich’s kurz. Die JPEGs finde ich angenehm detailliert, der Weißabgleich sitzt hervorragend, auch hohe ISO-Einstellungen führen noch zu sehr guten Bildern – für z.B. Hochzeiten oder Reportagen finde ich auch ISO 12800 noch vollkommen nutzbar.
Wirklich interessant sind für mich aber die RAWs. Zunächst war da ärgerlicherweise kein Adobe Camera RAW-Konverter kompatibel. Seit wenigen Tagen sieht das zum Glück anders aus und es gibt ein „Beta“-Profil für die D600* in der neuesten ACR-Version (für Photoshop, Photoshop Elements und Photoshop Lightroom). So sind natürlich auch meine Aussagen dazu noch „Beta“.

Die Farben in ACR gefallen mir, wie schon damals bei der D700, sehr gut. Auch ganz ohne individuelles Kameraprofil. Die Hauttöne finde ich sehr schön und sehr „smooth“. Ich bin erstaunt, dass ich viel von Nikon-Besitzern lese, die gerade das bemängeln. Möglicherweise gibt es da aber auch Unterschiede zwischen den einzelnen Kameramodellen.
Allerdings müssen die Nikon-Dateien anders behandelt werden als die von Canon, sie vertragen (und brauchen) deutlich extremere Einstellungen im ACR – und dann „kippen“ die Farben und Verläufe auch recht schnell. Das ist ein hoch subjektiver Eindruck und auch eine Sache der Gewöhnung und des Feingefühls. Man muß mit den Nikon-Dateienen einfach anders arbeiten.
Das Rauschen ist gut unter Kontrolle, sehr gut sogar auf den ersten Blick.
Der Dynamikumfang ist auch nach oben hin sehr gut, aus auf den ersten Blick „weißen“ Lichtern lassen sich noch viele Details wiederherstellen. Entscheidend besser als bei meinen Canons empfinde ich das allerdings nicht.
Der größte Schwachpunkt scheint bei der Nikon die Schärfe. Von Bildern mit einer Auflösung von über 20 Megapixel und einem Objektiv wie dem 24-70* bin ich mehr Details und na ja, Schärfe gewohnt. Dieser Eindruck ist übrigens gleich bei Betrachtung in ACR wie in Nikon ViewNX. Das dringend nötige Nachschärfen verbessert das zwar etwas, aber nicht genug.

Update: Das finale Profil in ACR ändert wie erwartet nichts an meinem Eindruck. Das angesprochene Schärfeproblem hingegen erwies sich inzwischen als eines vom Ojektiv. In dem Punkt also Entwarnung!

Fazit

Nikon D600 aus Canon-Sicht 3

Insgesamt ist die D600* eine sehr gute Kamera, die professionellen Ansprüchen genügt, aber auch Schwächen hat. Die Bedienung der wesentlichen Funktionen ist einfach, das Handling gut, die Kamera wirkt solide aber nicht zu schwer.
Die größten Schwächen der Kamera sind meiner Meinung nach die schlechte Abdeckung des Bildfelds mit AF-Feldern und die mangelnde Schärfe in den Aufnahmen.
Stärken sind die solide Verarbeitung, der sehr treffsichere Autofokus, der vertretbare Preis, die reichhaltige Ausstattung und Individualisierbarkeit, die praxisgerechte (hohe) Auflösung und die insgesamt – vor allem im Vergleich zu APS-C-Kameras – gute Bildqualität.
Mein Vergleichsobjekt ist die EOS 1Ds Mark III – eine der besten Kleinbild-Kameras dieser Welt, wie man nicht vergessen sollte.
Die Bildqualität könnte sich mit einer späteren ACR-Version zudem noch ändern.

Update: Anton, Besitzer der Kamera, hat inzwischen auch ein Praxis-Review geschrieben. Zu finden hier.

* = Amazon Affilate Links

Über 

Professioneller Fashion- & Beauty-Fotograf mit und aus Leidenschaft.

Ebenfalls aus Herzblut: Dozent, Autor.

Wurde nicht mit einer Kamera geboren, sie ist inzwischen aber angewachsen.

Hat einen "(Blitz)Lichtfetisch". Umfangreiches Technik- & Fotowissen.
Kann trotzdem brauchbare Fotos machen.

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